Gedichte von Hugo vom Narrenkreuz
Inspiriert von der Ausstellung Finale 2.0
in Vilsbiburg
Bekenntnis zum breiten Kreuz
Mir platzt der Kragen,
ihm die Haut vom Rücken
Davon, wie ich mit anderen verfahre,
hat er die Fahrer davongetragen
Mein Zorn
schlug ihm die Wunden
und durch seine Striemen
bin ich geheilt
zu „Rücken / Geschlagen “
Beteiligung am Judaskuss
Wer küsst hier wen?
Das ist die Frage
Der Häscher
das Opfer?
Die Gnade
den Verräter?
Der Enttäuschte
sein Alibi?
Das Licht
den Blinden?
Wer küsst hier wen?
Die Frage
hängt in der Luft
bis ein Schwerthieb
sie herunterholt
ins blutige Jetzt,
eine Trennung
aufzeigt,
die das Herz
bereits vollzogen hat
zu „Kuss / Verrat“
-------------------------------------------
Der verletzende Kuss
Wer andren sich öffnet,
der macht sich verletzlich
Nicht einsam zu sein,
hat auch seinen Preis
Zum Höchsten und Schönsten
zählt zärtliche Nähe,
doch wehe,
erkennt man
darin den Betrug
Wird deine Liebe
verkauft und verraten,
enttarnt sich, was schön schien
als Schein nur allein
Im Rückblick siehst anders
du alles, selbst Küsse
sind Wunden, die dir auch
die Zeit nie ganz heilt
Stets bleibt dir Verletzung
Nie mehr denkst du weg,
was undenkbar dir war
Und nie wieder
schenkst du
vorbehaltlos Vertrauen
und keinesfalls
küsst du
wie einst ohne Furcht
-------------------------------------------------
Ungeschützter Kussverkehr
Wer würde jemand küssen,
dessen Lippenherpes
gerade Bläschen wirft?
Wer würde jemand küssen,
dessen verrottende Zähne
aus dem Maul stinken?
Wie leicht jedoch
küssen wir die Münder
fauler Versprechen
und geben die Zunge
giftigen Lügen?
Das Trinkgeld des Judas
Nach dem letzten Abendmahl
hat den Freund er abserviert,
bei den Pharisäern dann
dafür kräftig abkassiert
Als Kellner des Verrats ist er
seither sprichwörtlich bekannt
Wird in einem Atemzug
darum man mit ihm genannt,
steht man da als Idiot
Denn sein Trinkgeld war der Tod
zu „Gier / verraten / verkauft“
Der gehaltene Gott
Seht ihn am Kreuz!
So ist uns Gott
scheinbar am liebsten:
Festgenagelt
auf seine Versprechen,
verurteilt
für unsre Vergehen,
die Füße fixiert,
damit er uns
nicht weglaufen kann,
die Hände nutzlos
zur Selbstverteidigung,
das Herz offen
für bohrende Fragen
Gut, die Ohren sind frei,
doch nur, damit wir
hineinjammern können
Mich wundert,
dass wir ihm
nicht auch noch
den Mund verbinden
Vielleicht schlummert in uns
doch noch
ein Rest
an Barmherzigkeit
nach „Reliquie / Golgatha“
Der Grabwächter spricht
Nicht anhalten! Weitergehen!
Denn hier gibt es nichts zu sehen
Dieses Grab ist völlig leer
Welch Gerücht Sie auch herbrachte,
das umsonst Sie glauben machte,
dass dort was zu finden wär,
hier gibt es nichts abzustauben,
nichts zu sehen, nichts zu glauben
Dieses Grab ist völlig leer
Wie, grad das ist Grund den Frommen,
um in Scharen herzukommen?
Ich versteh die Welt nicht mehr!
zu „Das Grab ist leer“
Des Todes Stachel
Gewiss, es steckt der Tod in uns
schon seit geraumer Zeit
Bereits ab Zeugung tickt die Uhr,
begrenzt uns Endlichkeit
Bislang ist jede Medizin
dagegen bittrer Scherz
Es steckt der Stachel tief in uns,
er geht uns bis ins Herz
Und ja, dass jeder sterben muss,
lehrt Demut uns und mehr
Des Menschen Gier wär schlimmer noch,
wenn sie unendlich wär
Es glaubte ohne Furcht vorm Tod
so mancher sich Gott gleich
Schon so hält jedermann die Welt
gern für sein Königreich
Drum hat der Stachel seinen Sinn,
ihn spürt auch der Tyrann
Und doch kämpft selbst der liebste Mensch
voll Furcht dagegen an
Umsonst! Weil aller Ärzte Kunst
hier höchstens Aufschub bringt,
kein Mensch den Tod aus eigner Kraft
für immer niederringt
Doch humpeln wir auch hin zum Grab,
wo unser Name steht,
es bleibt danach ein Weg uns noch,
auf dem es weiter geht
Und ging nicht einer ihn vor uns,
der ist durchbohrt noch mehr?
Der bot des Todes Dorn die Stirn
und geht doch vor uns her
Gewiss, es sitzt der Stachel tief
Dass einer ihn ertrug
und auferstand, scheucht Zweifel auf
Dem Glauben ist’s genug
zu „Auferstehung / Tod, wo ist dein Stachel?“
Erfolgreiche Flucht
Wir waren verblüfft
von deinem Ausbruch,
galt doch das Grab
als Hochsicherheitsgefängnis,
aus dem keiner
lebend rauskommt
Du warst die Ein-Mann-Revolte
der Geister im Knast,
deine Befreiung
ein Meisterstück,
von dem man noch
ewig erzählen wird
Hättest du nur einen Tunnel gelöffelt,
durch den sich jeder
winden kann,
es wäre uns genug
Du aber hast gleich
ein Loch geschlagen
in die Klagemauer des Todes
Nur bücken müssen wir uns
Du warst der Erste
Die anderen
folgen nach
zu „Durchbuch / Auferstehung“
Es sind dieselben Hände
Es sind dieselben Hände,
die sich zum Jubel heben
und zum Urteil
Es sind dieselben Hände,
die Fahnen schwingen
und Peitschen
Es sind dieselben Hände,
die Palmwedel halten
und Hämmer
Es sind dieselben Hände,
aber ein anderer Geist
zu „Hosianna / Jubel / Klatschen“
Fragen an die Tischgemeinschaft
Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?
Wer hat in mein Schüsselchen getunkt?
Und wer wird mich verraten?
Wer hat von meinem Becherchen getrunken?
Wer hat von meinem Weinchen geniptt?
Und wer wird mich verleugnen?
zu „Letztes Abendmahl“
Malchus
Er, der ein Ohr verlor,
war vorher gehorsam
Die Stimme der Pflicht
hinterfragte er nicht,
kam sie doch
von einem Höhern,
vom Hohepriester selbst
Hinhören lernt man,
nicht Hinterfragen,
als Knecht, als Soldat
Im Ohr den Befehl
ist er losgezogen
Jetzt liegt es am Boden,
abgeschlagen
wie eine Bitte um Gnade
Hallt der Befehl noch darin?
Zum Glück tritt keiner drauf,
eh Jesus es aufhebt
und wieder anklebt
mit einem Wunder,
keins, das allen auffiel,
doch nicht nur für Malchus
ein großes
Wenn der letztlich Geschädigte
den Schädiger
vor Schaden bewahrt,
ist das nicht ein größeres Wunder
als die Heilung selber?
Verhaftet wird er trotzdem,
der Heiler,
und ans Kreuz geschlagen
Was zählt da ein Ohr?
Hört es jetzt anders?
Statt Befehle und Flüche
und dreckige Witze,
die Stimme des besseren Herrn,
des höheren Priesters?
Vernimmt das Geheilte
darauf mehr vom Heil?
Was meinst du, Malchus?
Sag, worauf hörst du?
Hörst du auf, der zu sein,
der du warst?
Gehorchst einem andern?
Oder wirst du dabei sein,
wenn sie ihn schlagen
und den Dornkranz ihm flechten?
Wirst du das Ohr,
das geheilte,
dem Erbarmen leihen,
oder verschließen,
vor jedem Aufschrei
deines Arztes?
Da wo ein andrer
allerhöchstens dich krank schreibt,
da macht er dich gesund
Zählt das nichts
oder wenig?
Und was ist mit den andern,
die das Wunder doch sahen?
Sie verloren ihr Ohr nicht
Warum sind sie dann taub?
zu „Soldat / Ohr“
Prost Kreuzzeit
Wir stoßen an
auf den,
der Anstoß erregte
mit der Wahrheit,
doch war sein Wein
gut und rein
Hoch die Becher
für den,
unter dessen Kreuz
seine Peiniger
becherten,
während er Durst litt!
Ihm,
der unsre Sünden
aufsaugte wie ein Schwamm,
bot man einen Schwamm an
mit Essig
Soweit zur Gastfreundschaft,
ist Gott
zu Gast auf Erden
Doch sauer macht lustig
Das Bittere,
das wir ihm auftischten,
hat er gewandelt
in Gnade,
wie Wasser zu Wein
und tatsächlich schmeckt es
überraschend
nach Freude
zu „Schwamm“
Trotz aller Vorbehalte
Wenn Jesus ihn besuchen käm,
dann fänd das wohl nicht jeder toll
So mancher hätt da Sorgen gleich:
Der blutet mir den Teppich voll
Hing an den Kleiderständer er
statt Hut die Dornenkrone dran,
dann gäb gewiss Bedenken es,
dass jemand das verletzen kann
Es beten zwar „Sei unser Gast!“
recht viele, doch was, wenn er käm
und klingelte an unsrer Tür?
Wär sein Besuch uns dann genehm?
Was, wenn er keinem Bild entspräch
und an den Wunden nur allein
erkennbar als der Heiland wär?
Wer lässt schon gerne Fremde rein?
Und wer heißt gleich willkommen ihn,
dass er ihm groß die Tür aufhält?
Den meisten reicht ein Kruzifix,
das leicht man in die Ecke stellt
Jedoch wird das Gerücht nicht still,
dass, lädt wer Gott an seinen Tisch,
selbst Gast dort wird, den Himmel schmeckt,
serviert er auch nur alten Fisch
zu „Garderobe / Er ist auch da“
Wie lange schon, wie lange noch?
Wie lange schon, wie lange noch
werden die ans Kreuz geschlagen,
die zu widersprechen wagen,
sich nicht in den Chor der Lügen
fügen und sich selbst betrügen?
Wie lange schon, wie lange noch
muss der Gute Unrecht dulden,
zahlend für der Bösen Schulden,
müssen Menschenkinder leiden
wie Schafe, die die Schlächter weiden?
Wie lange schon, wie lange noch
warten wir wie in den Wehen,
dass ein Reich wir kommen sehen,
das es wert ist, drauf zu hoffen,
und dazu den Himmel offen?
zu „Geschlagen / Wie lange noch“
Wundanordnung
Immer wieder
versuchen wir, unsre Wunden
in Ordnung zu bringen,
dahinter irgendein System
zu erkennen
Wir zählen
und analysieren sie,
reihen sie auf
und arrangieren sie neu,
nehmen sie als Fixpunkte
in unsren Narrativen,
versuchen, sie zu verstehen,
denn wir wollen Gewinner werden
in der Lotterie der Wunden
Die mit den wenigsten Treffern
gelten als Sieger
Und doch
liegt der Sieg
nicht in unseren Wunden,
sondern in seinen
Aus unsren blutet
nur Schmerz,
aus seinen
die Heilung
zu „Verwundet“