Gedichte von Hugo vom Narrenkreuz

Inspiriert von der Ausstellung Finale 2.0

in Vilsbiburg

 

Bekenntnis zum breiten Kreuz

 

Mir platzt der Kragen,

ihm die Haut vom Rücken

Davon, wie ich mit anderen verfahre,

hat er die Fahrer davongetragen

Mein Zorn

schlug ihm die Wunden

und durch seine Striemen

bin ich geheilt

 

zu „Rücken / Geschlagen “

 


 

Beteiligung am Judaskuss

Wer küsst hier wen?

Das ist die Frage

Der Häscher

das Opfer?

Die Gnade

den Verräter?

Der Enttäuschte

sein Alibi?

Das Licht

den Blinden?

 

Wer küsst hier wen?

Die Frage

hängt in der Luft

bis ein Schwerthieb

sie herunterholt

ins blutige Jetzt,

eine Trennung

aufzeigt,

die das Herz

bereits vollzogen hat

 

zu „Kuss / Verrat“

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Der verletzende Kuss

 

Wer andren sich öffnet,

der macht sich verletzlich

Nicht einsam zu sein,

hat auch seinen Preis

 

Zum Höchsten und Schönsten

zählt zärtliche Nähe,

doch wehe,

erkennt man

darin den Betrug

 

Wird deine Liebe

verkauft und verraten,

enttarnt sich, was schön schien

als Schein nur allein

 

Im Rückblick siehst anders

du alles, selbst Küsse

sind Wunden, die dir auch

die Zeit nie ganz heilt

 

Stets bleibt dir Verletzung

Nie mehr denkst du weg,

was undenkbar dir war

 

Und nie wieder

schenkst du

vorbehaltlos Vertrauen

und keinesfalls

küsst du

wie einst ohne Furcht

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Ungeschützter Kussverkehr

 

Wer würde jemand küssen,

dessen Lippenherpes

gerade Bläschen wirft?

Wer würde jemand küssen,

dessen verrottende Zähne

aus dem Maul stinken?

Wie leicht jedoch

küssen wir die Münder

fauler Versprechen

und geben die Zunge

giftigen Lügen?

 


 

Das Trinkgeld des Judas

 

Nach dem letzten Abendmahl

hat den Freund er abserviert,

bei den Pharisäern dann

dafür kräftig abkassiert

Als Kellner des Verrats ist er

seither sprichwörtlich bekannt

Wird in einem Atemzug

darum man mit ihm genannt,

steht man da als Idiot

Denn sein Trinkgeld war der Tod

zu „Gier / verraten / verkauft“


 

Der gehaltene Gott

 

Seht ihn am Kreuz!

So ist uns Gott

scheinbar am liebsten:

Festgenagelt

auf seine Versprechen,

verurteilt

für unsre Vergehen,

die Füße fixiert,

damit er uns

nicht weglaufen kann,

die Hände nutzlos

zur Selbstverteidigung,

das Herz offen

für bohrende Fragen

Gut, die Ohren sind frei,

doch nur, damit wir

hineinjammern können

Mich wundert,

dass wir ihm

nicht auch noch

den Mund verbinden

Vielleicht schlummert in uns

doch noch

ein Rest

an Barmherzigkeit

 

nach „Reliquie / Golgatha“


 

Der Grabwächter spricht

 

Nicht anhalten! Weitergehen!

Denn hier gibt es nichts zu sehen

Dieses Grab ist völlig leer

Welch Gerücht Sie auch herbrachte,

das umsonst Sie glauben machte,

dass dort was zu finden wär,

hier gibt es nichts abzustauben,

nichts zu sehen, nichts zu glauben

Dieses Grab ist völlig leer

Wie, grad das ist Grund den Frommen,

um in Scharen herzukommen?

Ich versteh die Welt nicht mehr!

 

 

zu „Das Grab ist leer“


 

Des Todes Stachel

 

Gewiss, es steckt der Tod in uns

schon seit geraumer Zeit

Bereits ab Zeugung tickt die Uhr,

begrenzt uns Endlichkeit

 

Bislang ist jede Medizin

dagegen bittrer Scherz

Es steckt der Stachel tief in uns,

er geht uns bis ins Herz

 

Und ja, dass jeder sterben muss,

lehrt Demut uns und mehr

Des Menschen Gier wär schlimmer noch,

wenn sie unendlich wär

 

Es glaubte ohne Furcht vorm Tod

so mancher sich Gott gleich

Schon so hält jedermann die Welt

gern für sein Königreich

 

Drum hat der Stachel seinen Sinn,

ihn spürt auch der Tyrann

Und doch kämpft selbst der liebste Mensch

voll Furcht dagegen an

 

Umsonst! Weil aller Ärzte Kunst

hier höchstens Aufschub bringt,

kein Mensch den Tod aus eigner Kraft

für immer niederringt

 

Doch humpeln wir auch hin zum Grab,

wo unser Name steht,

es bleibt danach ein Weg uns noch,

auf dem es weiter geht

 

Und ging nicht einer ihn vor uns,

der ist durchbohrt noch mehr?

Der bot des Todes Dorn die Stirn

und geht doch vor uns her

 

Gewiss, es sitzt der Stachel tief

Dass einer ihn ertrug

und auferstand, scheucht Zweifel auf

Dem Glauben ist’s genug

 

zu „Auferstehung / Tod, wo ist dein Stachel?“

 

 


 

Erfolgreiche Flucht

 

Wir waren verblüfft

von deinem Ausbruch,

galt doch das Grab

als Hochsicherheitsgefängnis,

aus dem keiner

lebend rauskommt

 

Du warst die Ein-Mann-Revolte

der Geister im Knast,

deine Befreiung

ein Meisterstück,

von dem man noch

ewig erzählen wird

 

Hättest du nur einen Tunnel gelöffelt,

durch den sich jeder

winden kann,

es wäre uns genug

 

Du aber hast gleich

ein Loch geschlagen

in die Klagemauer des Todes

Nur bücken müssen wir uns

 

Du warst der Erste

Die anderen

folgen nach

 

 

zu „Durchbuch / Auferstehung“

 

 


 

Es sind dieselben Hände

 

Es sind dieselben Hände,

die sich zum Jubel heben

und zum Urteil

 

Es sind dieselben Hände,

die Fahnen schwingen

und Peitschen

 

Es sind dieselben Hände,

die Palmwedel halten

und Hämmer

 

Es sind dieselben Hände,

aber ein anderer Geist

 

 

zu „Hosianna / Jubel / Klatschen“

 


 

Fragen an die Tischgemeinschaft

 

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Wer hat in mein Schüsselchen getunkt?

Und wer wird mich verraten?

 

Wer hat von meinem Becherchen getrunken?

Wer hat von meinem Weinchen geniptt?

Und wer wird mich verleugnen?

 

zu „Letztes Abendmahl“

 

 

 

 

Malchus

 

Er, der ein Ohr verlor,

war vorher gehorsam

Die Stimme der Pflicht

hinterfragte er nicht,

kam sie doch

von einem Höhern,

vom Hohepriester selbst

Hinhören lernt man,

nicht Hinterfragen,

als Knecht, als Soldat

 

Im Ohr den Befehl

ist er losgezogen

Jetzt liegt es am Boden,

abgeschlagen

wie eine Bitte um Gnade

Hallt der Befehl noch darin?

 

Zum Glück tritt keiner drauf,

eh Jesus es aufhebt

und wieder anklebt

mit einem Wunder,

keins, das allen auffiel,

doch nicht nur für Malchus

ein großes

 

Wenn der letztlich Geschädigte

den Schädiger

vor Schaden bewahrt,

ist das nicht ein größeres Wunder

als die Heilung selber?

Verhaftet wird er trotzdem,

der Heiler,

und ans Kreuz geschlagen

Was zählt da ein Ohr?

 

Hört es jetzt anders?

Statt Befehle und Flüche

und dreckige Witze,

die Stimme des besseren Herrn,

des höheren Priesters?

Vernimmt das Geheilte

darauf mehr vom Heil?

 

Was meinst du, Malchus?

Sag, worauf hörst du?

Hörst du auf, der zu sein,

der du warst?

Gehorchst einem andern?

Oder wirst du dabei sein,

wenn sie ihn schlagen

und den Dornkranz ihm flechten?

Wirst du das Ohr,

das geheilte,

dem Erbarmen leihen,

oder verschließen,

vor jedem Aufschrei

deines Arztes?

 

Da wo ein andrer

allerhöchstens dich krank schreibt,

da macht er dich gesund

Zählt das nichts

oder wenig?

 

Und was ist mit den andern,

die das Wunder doch sahen?

Sie verloren ihr Ohr nicht

Warum sind sie dann taub?

 

 

zu „Soldat / Ohr“

 

 

Prost Kreuzzeit

 

Wir stoßen an

auf den,

der Anstoß erregte

mit der Wahrheit,

doch war sein Wein

gut und rein

 

Hoch die Becher

für den,

unter dessen Kreuz

seine Peiniger

becherten,

während er Durst litt!

 

Ihm,

der unsre Sünden

aufsaugte wie ein Schwamm,

bot man einen Schwamm an

mit Essig

 

Soweit zur Gastfreundschaft,

ist Gott

zu Gast auf Erden

 

Doch sauer macht lustig

Das Bittere,

das wir ihm auftischten,

hat er gewandelt

in Gnade,

wie Wasser zu Wein

und tatsächlich schmeckt es

überraschend

nach Freude

 

zu „Schwamm“

 

 

Trotz aller Vorbehalte

 

Wenn Jesus ihn besuchen käm,

dann fänd das wohl nicht jeder toll

So mancher hätt da Sorgen gleich:

Der blutet mir den Teppich voll

 

Hing an den Kleiderständer er

statt Hut die Dornenkrone dran,

dann gäb gewiss Bedenken es,

dass jemand das verletzen kann

 

Es beten zwar „Sei unser Gast!“

recht viele, doch was, wenn er käm

und klingelte an unsrer Tür?

Wär sein Besuch uns dann genehm?

 

Was, wenn er keinem Bild entspräch

und an den Wunden nur allein

erkennbar als der Heiland wär?

Wer lässt schon gerne Fremde rein?

 

Und wer heißt gleich willkommen ihn,

dass er ihm groß die Tür aufhält?

Den meisten reicht ein Kruzifix,

das leicht man in die Ecke stellt

 

Jedoch wird das Gerücht nicht still,

dass, lädt wer Gott an seinen Tisch,

selbst Gast dort wird, den Himmel schmeckt,

serviert er auch nur alten Fisch

 

zu „Garderobe / Er ist auch da“

 

 

Wie lange schon, wie lange noch?

 

Wie lange schon, wie lange noch

werden die ans Kreuz geschlagen,

die zu widersprechen wagen,

sich nicht in den Chor der Lügen

fügen und sich selbst betrügen?

 

Wie lange schon, wie lange noch

muss der Gute Unrecht dulden,

zahlend für der Bösen Schulden,

müssen Menschenkinder leiden

wie Schafe, die die Schlächter weiden?

 

Wie lange schon, wie lange noch

warten wir wie in den Wehen,

dass ein Reich wir kommen sehen,

das es wert ist, drauf zu hoffen,

und dazu den Himmel offen?

 

zu „Geschlagen / Wie lange noch“

 

 

Wundanordnung

 

Immer wieder

versuchen wir, unsre Wunden

in Ordnung zu bringen,

dahinter irgendein System

zu erkennen

Wir zählen

und analysieren sie,

reihen sie auf

und arrangieren sie neu,

nehmen sie als Fixpunkte

in unsren Narrativen,

versuchen, sie zu verstehen,

denn wir wollen Gewinner werden

in der Lotterie der Wunden

Die mit den wenigsten Treffern

gelten als Sieger

Und doch

liegt der Sieg

nicht in unseren Wunden,

sondern in seinen

Aus unsren blutet

nur Schmerz,

aus seinen

die Heilung

 

zu „Verwundet“